Frauen in Wissenschaft und Unternehmertum im Fokus – REACH TO EMPOWER erstmals auf der größten brasilianischen Wissenschaftstagung vorgestellt
© Anne VortkampVom 13. bis 19. Juli 2025 verwandelte sich die Universidade Federal Rural de Pernambuco (UFRPE) in Recife in einen Treffpunkt für rund 20.000 Teilnehmende aus Wissenschaft, Bildung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft: Die Jahrestagung der Sociedade Brasileira para o Progresso da Ciência (SBPC) ist die größte und bedeutendste Wissenschaftskonferenz Brasiliens. Jedes Jahr findet sie an einer anderen Universität statt, immer mit dem Ziel, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern – bei freiem Eintritt für alle Interessierten.
In diesem Jahr war auch Münster vertreten: Dr. Anne Vortkamp, Mitarbeiterin im Scouting-Team des REACH – EUREGIO Start-up Centers von Universität und FH Münster und Gründerin von CARAPAX biotechnologies, folgte auf Vorschlag des Brasilien-Zentrums der Universität Münster einer Einladung des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) São Paulo. Sie nahm am internationalen Round Table des DWIH teil und nutzte den Aufenthalt in Recife, um Kontakte zu führenden Innovationsakteuren der Region zu knüpfen.
Frauen in Wissenschaft und Innovation: ein internationales Panel
Am 15. Juli 2025 brachte das Panel „Women in Science and Innovation: Fostering Entrepreneurship in Universities“ internationale und brasilianische Stimmen zusammen. Neben Vortkamp diskutierten Prof. Dr. Laura Bechthold (TH Ingolstadt) und die brasilianische Chemikerin und Unternehmerin Maitê Gothe. Die Moderation übernahm Prof. Soraya Soubhi Smaili, Professorin für Pharmakologie und erste weibliche Rektorin (2013-2017) an der Universität São Paulo (Unifesp).
Die Diskussion kreiste um eine zentrale Frage: Wie können Hochschulen Frauen in Wissenschaft und Unternehmertum wirksam fördern?
Empowerment beginnt an den Hochschulen
In ihrem Impuls betonte Anne Vortkamp den Zusammenhang zwischen akademischer Bildung, Selbstwirksamkeit und Gründungsbereitschaft:
„Empowerment fängt für mich an den Hochschulen an. Eine fundierte Ausbildung schafft Selbstbewusstsein – und dieses Selbstbewusstsein ist die Grundlage, um eine eigene Idee aus der Forschung heraus in die Welt zu bringen und dafür einzustehen. Besonders für Frauen kann das den entscheidenden Unterschied machen.“
Anhand ihres eigenen Weges – von der wissenschaftlichen Laufbahn über die Gründung von CARAPAX biotechnologies, basierend auf den Ergebnissen ihrer eigenen Promotion, bis zur Arbeit im REACH-Scouting – zeigte Dr. Vortkamp, wie wichtig es ist, dass Hochschulen nicht nur Wissen, sondern auch unternehmerische Kompetenzen vermitteln.
Sie stellte fest, dass die Herausforderungen für Gründerinnen in Brasilien und Deutschland erstaunlich ähnlich sind: mangelnde Sichtbarkeit, geringere Netzwerkanbindung, geschlechterspezifische Vorurteile. „Same same but different“, fasste sie zusammen. „Die Kontexte unterscheiden sich, aber die Hürden sind universell.“
„Wenn wir Studierende und Forschende bestärken, ihre Ideen entschlossen zu verfolgen und ihnen die nötigen Werkzeuge geben, legen wir den Grundstein für eine diversere und innovativere Gründungslandschaft – egal, ob in Münster, Recife oder irgendwo sonst auf der Welt“, bekäftigt Vortkamp.
Internationale Bühne für REACH TO EMPOWER
Besonderes Interesse weckte Vortkamps Vorstellung von REACH TO EMPOWER, einem Programm des REACH – EUREGIO Start-up Centers, das marginalisierte Gruppen – insbesondere Frauen – gezielt anspricht und unterstützt. Dazu zählen Formate wie das Women’s* Empowerment Breakfast, die Women’s* Empowerment Convention oder themenspezifische Workshops zu Sichtbarkeit und Selbstvermarktung.
Das Panel selbst war zwar kleiner besucht als erhofft, doch gab es interessierte Nachfragen und es kam zu intensiven Gesprächen mit Vertreter*innen der CESAR School, einer privaten Innovations- und Bildungseinrichtung in Recife. Erste Ideen für künftige Kooperationen – etwa gemeinsame Formate zur Ideenentwicklung (Ideation Labs) – wurden bereits ausgelotet.
Recife als Innovationsstandort: Hafen, Hightech und Hochschulen
Neben ihrem Konferenzbeitrag nutzte Vortkamp die Zeit, um die Innovationslandschaft Recifes kennenzulernen. Die Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco gilt als eines der bedeutendsten Technologiezentren Lateinamerikas – ein Ruf, den sie vor allem Porto Digital verdankt.
• Porto Digital ist ein Technologie- und Kreativwirtschaftszentrum, das in einem ehemaligen Hafenviertel entstanden ist. Heute arbeiten hier mehr als 14.000 Menschen in über 475 Unternehmen aus IT, Games, Design und Start-up-Szene. Beeindruckend fand Vortkamp vor allem die enge Verzahnung von Hochschulen, Unternehmen und öffentlicher Hand, die praxisnahe Ausbildungen und direkte Übergänge in unternehmerische Projekte ermöglicht.
• CESAR School gilt als eine der führenden Innovationsschulen Brasiliens. Sie setzt auf projektbasiertes Lernen, bei dem Studierende schon früh reale Problemstellungen aus Unternehmen bearbeiten. Gespräche mit Dozierenden und Verantwortlichen zeigten deutliche Parallelen zu REACH-Formaten wie Talents & Teams – und boten Potenzial für bilaterale Austauschprojekte.
• Ein Besuch im Genetiklabor der Universidade Federal de Pernambuco (UFPE) bei Prof. Dr. Ana Maria Benko-Iseppon führte in die aktuelle Forschung zu Pflanzenstress. Dabei ging es auch um mögliche wissenschaftliche Kooperationen mit der Universität Münster, insbesondere im Bereich nachhaltiger Landwirtschaft.
Zwischen Sprachbarrieren und Gemeinschaftsgefühl
Eines der eindrücklichsten Erlebnisse für Vortkamp war die Offenheit der SBPC-Tagung: Zwar fanden viele Veranstaltungen auf Portugiesisch statt, was für internationale Gäste eine Herausforderung bedeutete – dennoch war die Atmosphäre geprägt von Austauschbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl.
„Es gibt hier für alle etwas: Forschung, Bildungspolitik, gesellschaftliche Debatten – und das bei freiem Eintritt für alle Interessierten. Das macht die Tagung zu einem festen Termin für die brasilianische Science Community“
Besonders auffällig: Die SBPC ist nicht nur eine Fachtagung, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis. Zwischen Vorträgen und Diskussionen füllen Musik, Theater, Ausstellungen und Wissenschaftsshows den Campus – und ziehen neben Fachpublikum auch Schulklassen, Familien und lokale Initiativen an.
Globale Themen, gemeinsame Strategien
Mit vielen neuen Kontakten und Ideen kehrte Dr. Anne Vortkamp nach Münster zurück. Für das REACH bedeuten die Gespräche in Recife nicht nur eine Ausweitung internationaler Netzwerke, sondern auch die Chance, Best Practices aus einem anderen Innovationsökosystem kennenzulernen.
Empowerment, Sichtbarkeit und unternehmerische Förderung an Hochschulen – diese Themen verbinden Recife und Münster ebenso wie Brasilien und Deutschland.
Die SBPC-Jahrestagung hat gezeigt: Die Herausforderungen sind global – und sie lassen sich am besten gemeinsam angehen.